Die Österreichische Nationalbibliothek im digitalen Zeitalter

Geschrieben von Office DCW am in #DigitalMondayBlog, Home

Die Österreichische Nationalbibliothek hat als herausragende Gedächtnisinstitution und als größte Archivbibliothek des Landes die zentrale Aufgabe, unser kulturelles Erbe für die Nachwelt zu sichern. Die Bibliothek feiert heuer ihr 650-jähriges Bestehen und unterliegt einer permanenten Neuorientierung. Im Mittelalter beherbergten die Schatzkammern der Regenten kostbare Bücher, die damals aufgrund ihres hohen materiellen Werts nur einer kleinen Elite zugänglich waren. Die konstante Weiterentwicklung der Bibliothek und deren Anpassung an politischen und gesellschaftlichen Wandel ließ sie zu einem offenen Wissenszentrum des 21. Jahrhunderts werden.

Michaela Mayr

Digitalisierung

Seit vielen Jahren führt die Österreichische Nationalbibliothek großangelegte Digitalisierungsprojekte durch. Die Erstellung digitaler Kopien erfüllt mehrere Zwecke: eine Schutzfunktion durch die elektronische Sicherung der Buchinhalte sowie die Möglichkeit, diese Inhalte weltweit online zugänglich machen zu können. Ungefähr 20 Millionen Seiten digitalisierter historischer Tageszeitungen können beispielsweise im Online-Portal ANNO eingesehen werden. Im Rahmen einer Public-Private-Partnership mit Google wird bis Ende 2018 der gesamte historische, urheberrechtsfreie Buchbestand der Bibliothek (rund 600.000 Werke mit insgesamt ca. 200 Millionen Seiten) digitalisiert und im Volltext durchsuchbar gemacht. Diese und andere Sammlungsbestände wie Fotos, Porträts, Plakate, Manuskripte und Papyri stehen in der Digitalen Bibliothek kostenfrei zur Verfügung.

Born digital Medien

In ihrer Sammlungstätigkeit ist die Bibliothek stark mit dem Medienwandel konfrontiert. Die sogenannte Pflichtablieferung soll eine lückenlose Dokumentation des publizistischen Schaffens in Österreich ermöglichen und bezog sich ursprünglich auf gedruckte Medien. Seit 2009 erstreckt sich der Sammelauftrag auch auf Online-Medien, um das Web als besonders flüchtiges Medium in Form von regelmäßigen „Snapshots“ zu dokumentieren. Im Rahmen dieser Web Crawls wurden bisher über 100 Terabyte an Daten von nahezu 2 Mio. Webdomains gesammelt und stehen im Webarchiv Österreich für Recherchen zur Verfügung, wenn sie im Live Web bereits verschwunden sind.

Bibliothek als Ort

Das Voranschreiten der Digitalisierung ist die Grundlage für die weltweite Öffnung des Bibliotheksbestandes und somit für eine Demokratisierung des Wissens. Bereits jetzt besuchen jährlich ca. sechsmal mehr BenutzerInnen die Webseite und Online-Portale der Bibliothek (4 Millionen) als Ausstellungen, Museen und Lesesäle vor Ort (rund 673.000). Trotzdem hat die Bibliothek für BesucherInnen als Lese-, Arbeits-, Bildungs- und Sozialzentrum nach wie vor einen hohen Stellenwert und ist sehr gut ausgelastet. Gerade in einem Zeitalter ständiger digitaler Vernetztheit erzeugen Dritte Orte (Lebensräume, in denen man sich vorübergehend aufhält. Orte zwischen dem eigenen Zuhause [erster Ort] und der Arbeitswelt/Ausbildungsstätte [zweiter Ort]), zu denen Bibliotheken zählen, eine lokale Verbundenheit.

Ausblick

Die Österreichische Nationalbibliothek hat in der Vision 2025 ihre Werte und langfristigen Zukunftsperspektiven klar formuliert und setzt die daraus abgeleiteten Ziele im Rahmen 5-jähriger Strategieperioden konsequent um. So stellen z.B. die Digitalen Geisteswissenschaften einen Schwerpunkt der aktuellen Strategieperiode 2017-21 dar. ForscherInnen werden in Zukunft weniger detailliert und qualitativ mit Einzelmedien arbeiten („close reading“), sondern verstärkt quantitativ und statistisch mit großen Datenmengen („distant reading“). Die Österreichische Nationalbibliothek setzt derzeit mehrere Projekte um, die die Nutzung der in Digitalisierungsprojekten gewonnenen Daten unterstützen und wird außerdem „Open Data“ bereitstellen.

Neben der wissenschaftlichen Forschung wird ab Herbst 2018 im Rahmen von Crowdsourcing-Projekten die Interaktion und Partizipation von BenutzerInnen ermöglicht. In einer ersten Kampagne sollen zu rund 10.000 historischen Luftbildern Informationen aus der Bevölkerung eingeholt werden.

Die Österreichische Nationalbibliothek versteht sich als dienstleistungsorientiertes Informations- und Forschungszentrum, als herausragende Gedächtnisinstitution des Landes und als vielfältiges

Bildungs- und Kulturzentrum und bildet so eine lebendige Brücke zwischen dem faszinierenden Wissenserbe der Vergangenheit und den zukunftsorientierten Ansprüchen der modernen Informationsgesellschaft.

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Mag. Michaela Mayr, MSc ist Leiterin der Hauptabteilung Digitale Bibliothek und Koordinatorin der Strategie 2017-2021 an der Österreichischen Nationalbibliothek. In ihren Aufgabenbereich fallen u.a. umfangreiche Digitalisierungsinitiativen und die Sammlung von born digital Publikationen. Michaela Mayr studierte Internationale Betriebswirtschaft sowie „Library and Information Studies“ an der Universität Wien.