Digitalisierung – das Stiefkind der Schule

Geschrieben von Office DCW am in #DigitalMondayBlog, Home

Als AHS-Lehrer erlebe ich täglich, dass Schule und Digitalisierung nicht immer die besten Freundinnen sind. Ja, natürlich gibt es sie, die Fortschritte. Mittlerweile gibt es in den meisten Schulklassen Beamer und ein zumindest zeitweise funktionierendes W-Lan. Aber nichts desto trotz läuft der Unterricht in vielen Klassen von der Struktur her noch genauso ab, wie vor zwanzig, dreißig, vielleicht sogar vierzig Jahren.

Martin Pöcksteiner

Die Lehrperson spricht, die SchülerInnen schreiben ins Heft. Nicht selten wird Unterricht pseudo-digitalisiert: Die SchülerInnen schreiben Sätze ab, die per Beamer und PowerPoint-Präsentation an die Wand projiziert werden. Dieser Unterricht ist zwar digital gestützt, de facto ist die Unterrichtssituation nicht anders als vor fünfzehn Jahren, wo die SchülerInnen den gleichen Satz von einer Overhead-Folie abgeschrieben haben. Und das wiederum war ja auch nur eine Weiterentwicklung der Situation, in der SchülerInnen Sätze von der Tafel abgeschrieben haben – vor vierzig Jahren.

Digitalisierung ermöglicht Individualisierung und Wiederholung

Digitalisierung ermöglicht so viel mehr als nur Texte zum Abschreiben an die Wand zu projizieren. Damit ist ausnahmsweise einmal nicht die Vernetzung von SchülerInnen, Lehrpersonen etc. gemeint. Das ist zwar auch spannend und in manchen Situationen nützlich. In diesem Text geht es aber um etwas anderes: Digitalisierung ermöglicht die Erstellung von wiederverwendbaren Übungsmaterialien.

Eines der Steinzeitkonzepte in vielen Klassenzimmern ist, dass SchülerInnen viele Aufgaben genau einmal lösen und dann nie wieder. Ein Beispiel: Ein sorgfältig erstelltes Arbeitsblatt wird von den SchülerInnen ausgefüllt. Punkt. Im Idealfall wird es dann ins Heft eingeklebt, im schlechteren Fall verschwindet es im Chaos des Bankfaches. Was ist daran verkehrt? Jede Person, die ein Musikinstrument spielt oder ein koordinatives Hobby wie Tischtennis oder Stricken ausübt wird bestätigen, dass nur Wiederholung der Schlüssel zum Erfolg ist. Niemand lernt Gitarre spielen, weil sie/er ein Stück einmal durchspielt. Nichtsdestotrotz passiert aber genau das in vielen Klassenzimmern. Antworten werden einmal gegeben und das war’s. Hier können, sollen und müssen in der Zukunft digital gestellte Aufgaben Abhilfe schaffen.

Man stelle sich vor, ein Kind übt ein Stoffgebiet auf seinem Smartphone, muss selbst die Entscheidungen für Antworten treffen (Nicht wie es oft der Fall ist, dass genau ein Kind die Frage der Lehrperson beantwortet, während der Großteil der Klasse gar nicht weiß, was eigentlich die Frage war.), bekommt positive oder negative Rückmeldung vom Gerät und kann sofort an seinen Schwächen arbeiten. Bei Fragen wird die Lehrperson zu Hilfe geholt.

Die Vorteile dieses Unterrichts liegen auf der Hand: Jedes Kind kann in seinem eigenen Lerntempo lernen. Die schnelleren SchülerInnen müssen nicht mehr regelmäßig auf die langsameren Kinder warten, sondern können in der Zwischenzeit weitere Übungen (auch zu ganz anderen Stoffgebieten) durchmachen. Und das Wichtigste: Jedes Kind kann die Übungen so oft wiederholen, bis es den Unterrichtsstoff beherrscht.

eSquirrel im Unterricht

Seit einigen Monaten darf ich Teil eines Projekts sein, bei dem die Kinder (auch offline) Übungsmaterialien auf ihrem Smartphone erledigen können. Die gestellten Aufgaben sind mit Hilfe des Schulbuches lösbar (Was wiederum die Lesekompetenz schult.) und die Kinder arbeiten selbständig an verschiedenen Stoffgebieten. Die Erfahrungen sind bisher durchwegs positiv. Natürlich mussten sich die Kinder an die neue Unterrichtssituation erst einmal gewöhnen. Doch nach einer kurzen Eingewöhnungsphase wussten alle Beteiligten, was zu tun war. Es ist erfrischend, eine neue Rolle im Klassenraum einzunehmen. Die SchülerInnen arbeiten, ich helfe dort, wo es notwendig ist. Dazwischen beobachte ich die Kinder, wie sie fieberhaft nach Informationen im Buch suchen, sich gegenseitig weiterhelfen und verschiedene Antwortmöglichkeiten diskutieren.

Digitalisierung ermöglicht hier den Schritt von einem Unterricht, in dem viele SchülerInnen passiv der Lehrperson zuhören, zu einem Unterricht, wo alle SchülerInnen selbst aktiv sein müssen.

Natürlich bleibt das klassische Aufschreiben von Sachverhalten ein nicht wegzudenkender Aspekt von Unterricht. Genauso ist nicht jedes Stoffgebiet für digitalisierten Unterricht geeignet. Jedoch bietet uns digital unterstützter Unterricht Möglichkeiten, Schule und Lernprozesse abwechslungsreicher und damit erfolgreicher zu gestalten.

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Martin Pöcksteiner unterrichtet an einem Gymnasium in Niederösterreich und arbeitet im Wiener Start-Up eSquirrel an der Entwicklung von digitalen Unterrichtsmitteln. Er betreut AutorInnen bei ihrer Erstellung von eSquirrel-Inhalten und entwickelt mit verschiedenen Verlagshäusern (öbv, Veritas) digitale Unterrichtsmaterialien für die Unterrichtsfächer Englisch und Biologie. Seit 2018 hält er sowohl an der Pädagogischen Hochschule in Wien als auch an der Pädagogischen Hochschule in Niederösterreich zum Thema digitale Unterrichtsgestaltung und Erstellung von digitalen Unterrichtsmedien.

Fragen stellen Sie gerne an: team@eSquirrel.at