Ein Mindset für Innovation

Geschrieben von Office DCW am in #DigitalMondayBlog

Stell dir vor, du hast eine Million Euro als Investmentkapital zur Verfügung und suchst nach einem vielversprechenden Start-up. Du kommst in Kontakt mit einem jungen Gründer der dir seine Idee pitcht. „Ich habe eine Plattform, über die sich die Mitglieder Textbotschaften in der Länge von 140 Zeichen senden können. Investieren Sie doch darin!“

Mario_Herger

Deine erste Reaktion darauf wäre sicherlich: „Was für eine dämliche Idee!“ So würden die meisten von uns reagieren – nicht aber die Leute im Silicon Valley. Dort konnte dieser junge Gründer eine ganze Menge Geld einsammeln. Sehr viel Geld sogar. Du wirst gleich erraten haben, um welches Start-up es sich dabei handelt: Twitter. Und diese vermeintlich so dumme Idee hat sich als tragfähige Technologie für ein öffentlich gelistetes Unternehmen mit einem aktuellen Börsenwert von 12 Milliarden Dollar erwiesen. Im Vergleich dazu: die ÖMV hat gerade mal einen Marktwert von sieben Milliarden Euro.

Warum aber reagieren die Menschen im Silicon Valley so ganz anders als in Österreich? Und was macht Start-up-Gründer dort so mutig, solche Ideen öffentlich vorzubringen und zu erwarten, dass sie ernsthaft diskutiert werden? Zuerst einmal scheuen sie sich nicht davor zurück, Ideen zu formulieren, die im ersten Moment verrückt oder merkwürdig klingen. Das vorherrschende psychologisch sichere Umfeld erlaubt ihnen, solche Ideen vorzutragen oder befürchten zu müssen, dass sie ausgelacht werden. Jemand der solch einer Idee zuhört tendiert dazu zuerst mal nachzufragen. „Wie funktioniert das genau?“ „Kann ich folgendes auch damit machen?“ und schon arbeitet man gemeinsam an einer Idee und denkt sie weiter. Auch wenn man mit der Idee nichts anfangen kann, so hilft man den Leuten weiter indem man sie mit anderen vernetzt. „Ich kenne jemanden, mit dem musst du mal reden.“ Oder „Hast du dir das schon mal angesehen> Das könnte da reinpassen.“ Und wenn es soweit ist es mal auszuprobieren, dann sind die Leute hier bereit sich die Zeit zu nehmen.

Auch wenn man im Gegenzug nichts erwartet und die Pay-it-forward-Mentalität lebt, die besagt dass ich jemanden helfe egal ob es mir etwas nützt. Letztendlich kommt das wieder zu mir zurück, weil jeder so denkt und Hilfe und Unterstützung einen großen Kreis macht und wenn ich Hilfe oder Ratschlag benötige, dann werden die Menschen bereit sein mir das anzubieten.

Ebenso erlaubt der Mix aus schöner Umgebung, gutem Klima, Wohlstand und vielen talentierten Menschen auf engstem Raum gepaart mit vernachlässigter Infrastruktur und dem Damoklesschwert des nächsten großen Erdbebens die Menschen im Silicon Valley Probleme zu betrachten. Auch wenn alles funktioniert begeben sich die Menschen auf die Entdeckung Verbesserungen zu finden um etwas noch einfacher oder effizienter zu machen. Dabei hilft, dass manche Probleme vor den Augen liegen. Verfallene Gebäude, ein öffentliches Verkehrssystem das überlastet und veraltet ist, ein Bankenwesen, das immer noch mit Schecks arbeitet, und der Kontrast zwischen Wohlstand und Armut. Einem Land, einer Stadt denen es zu gut geht und wo das meiste gut funktioniert wirkt auf den Entdeckungs- und Unternehmergeist dämpfend.

Und damit kämpft Wien, obwohl es viele Probleme gibt. Die Flüchtlingskrise, Armut, Schüler die ihre Ausbildung nicht beenden sind anzupacken. Das klappt aber nicht, wenn alles so schön und bequem ist. Die Ambition etwas zu tun und tun zu müssen sinkt. Und das kann langfristig gefährlich sein, wie wir am Beispiel von Detroit gesehen haben, einer Stadt der es auch sehr gut ging und mit der sich abzeichnenden Krise der amerikanischen Autoindustrie plötzlich vor den Trümmern stand.

Wie können wir das vermeiden? Ganz einfach: das nächste Mal wenn du eine Million Euro herumliegen hast – oder auch nicht und gerade dann erst recht – und eine junge Start-up-Gründerin dir ihre Idee pitcht, halte dich zurück mit deinem Bauchgefühl, sondern sei aufrichtig interessiert, was man damit machen kann. Wer weiß, vielleicht ist diese Idee diejenige die die Welt verbessert und Teil davon zu sein ist besser, als ein bequemes Leben zu haben.

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Mario Herger ist gebürtiger Wiener und lebt seit 2001 im Silicon Valley. Er ist der Gründer von Enterprise Garage Consultancy und Autor des Buchs „Das Silicon-Valley-Mindset“, erschienen 2016 im Plassen-Buchverlag.

Weblink: Das Silicon Valley Mindset