Flüchtlinge als Jobsuchende im IKT-Umfeld: Erfahrungen aus einem Assessment

Geschrieben von Office DCW am in #DigitalMondayBlog, Home

Integration – das bedeutet, die Sprache zu sprechen, gemeinsame Grundwerte zu teilen, teilzunehmen am kulturellen und gesellschaftlichen Leben. Dafür gibt es Schulungen, Kurse und zahlreiche Initiativen der Zivilgesellschaft.

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Mag. Wilhelm Linder

So wichtig diese Maßnahmen sind – mittelfristig kann Integration nur gelingen, wenn Menschen, die zu uns kommen, einen ihren Fähigkeiten entsprechenden Arbeitsplatz finden, wenn sie selbst aktiv mitarbeiten und zur wirtschaftlichen Entwicklung unseres Landes und unserer Unternehmen beitragen können. DigitalCity.Wien als Plattform und einige Partnerunternehmen setzen hier seit mehr als einem Jahr Initiativen für die Integration von Asylberechtigten im IKT-Bereich, informiert und vernetzt.

Qualifikation und Beschäftigung

Beschäftigungsmöglichkeiten für Asylberechtigte sind natürlich abhängig von vorhandenen Qualifikationen. Der Kompetenzcheck des AMS (2015) und eine Studie des deutschen Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) zu Sozialstruktur, Qualifikationsniveau und Berufstätigkeit von Asylantragstellern in Deutschland (2016) zeigen, dass insbesondere Asylwerberinnen und Asylwerber etwa aus Syrien und dem Iran ein hohes Qualifikationsniveau aufweisen: mehr als 40% haben Maturaniveau oder an einer Hochschule studiert. Die deutsche Studie hält zudem fest, dass etwa 3% Berufserfahrungen in Ingenieursberufen mitbringen. Legt man diese Zahlen auf Österreich um, dann liegt die Vermutung nahe, dass unter den Flüchtlingen in Wien eine Größenordnung von 100 Personen mit qualifizierten Berufserfahrungen im Bereich IKT zu finden ist.

Pilot-Assessment

Vor diesem Hintergrund hat OBJENTIS Software Integration GmbH gemeinsam mit der HMP Beratungs- GmbH ein Pilot-Assessment durchgeführt. Unsere Erfahrungen daraus möchte ich hier kurz einbringen. Eine Stellenbeschreibung wurde erstellt und verbreitet, aus den Bewerbungen wurden fünf Personen zu einem Interview eingeladen. Aus dieser – zugegebenermaßen relativ kompakten – Stichprobe wurden Ergebnisse und Empfehlungen abgeleitet, die dann dem AMS präsentiert wurden.

  • Von den fünf Personen, verfügte eine Person über eine universitäre Ausbildung und Berufserfahrung als Software-Entwickler. Sie bringt sowohl die persönlichen als auch die fachlichen Kompetenzen mit, um in Software-Entwicklungsprojekten binnen kurzer Zeit produktiv mitarbeiten zu können.
  • Zwei weitere Personen verfügen über eine universitäre Ausbildung im IKT-Umfeld, Berufserfahrungen konnten sie nur im kleingewerblichen Bereich (Handy-Reparaturen u.ä.) sammeln. Beide sind engagiert und verfügen über gute kommunikative und soziale Kompetenzen, sie sind jedoch mit betrieblichen Abläufen nicht vertraut. Sie brauchen unserer Einschätzung nach eine Praktikumsphase oder, besser noch, die Möglichkeit einer betrieblichen Ausbildung, etwa einer Lehre.
  • Zwei Personen waren- aus unterschiedlichen Gründen, nicht „jobready“, etwa wegen großer sprachlicher Defizite.

Schlussfolgerungen

Die publizierten Daten und die geschilderten Erfahrungen lassen aus unserer Sicht nachstehende Schlussfolgerungen zu:

  • Wahrscheinlich verfügt nur eine kleine Gruppe (ein paar Dutzend Asylberechtigte) über eine informationstechnische Ausbildung und Berufserfahrungen in einem größeren Unternehmen. Diese Personen können unmittelbar in den ersten Arbeitsmarkt integriert werden. Dazu tragen auch Plattformen und Netzwerke wie DigitalCity.Wien bei.
  • Eine zweite Gruppe verfügt über eine informationstechnische Ausbildung, aber wenig bis gar keine Praxis. Diese Gruppe könnte deutlich größer als die erstgenannte sein, nicht zuletzt, weil viele junge Männer nach dem Studium fliehen, um nicht für eine Armee oder eine Miliz kämpfen zu müssen. Für diese Gruppe braucht es Praktikumsmöglichkeiten, hier sind sowohl Betriebe als auch die öffentliche Hand gefordert, Plätze zu schaffen. Die beiden genannten Gruppen sind relativ klein, wir reden von vielleicht 200 Menschen. Dennoch hat die rasche Integration eine wichtige Signalwirkung.
  • Eine offensichtlich viel größere Gruppe hat „Maturaniveau“ oder mehr – aber keine unmittelbar beruflich verwertbare Qualifikation. Die AMS Zahlen lassen vermuten, dass es mehr als 10.000 Personen sind. Hier braucht es dringend geeignete Auswahlverfahren und entsprechende Qualifikationsangebote. Es ist wohl vergleichbar mit österreichischen Maturantinnen und Maturanten: ohne Kollegs, Fachhochschulen, Studien- oder betriebliche Lehrangebote sind sie nur für „Hilfsjobs“ einsetzbar.

Es ist eine große gesellschaftliche Herausforderung, hier insbesondere berufsbegleitende und berufsunterstützende Qualifizierungsmaßnahmen zu setzen. Zuwarten bedeutet einerseits hohe Kosten für unser Sozialsystem, ist aber auch Nährboden für soziale Spannungen.

PS: wenn Sie für eine der drei Personen aus dem Pilot-Assessment eine mögliche Perspektive sehen, senden Sie bitte ein E-Mail an w.linder@objentis.com . Wir stehen gerne für detaillierte Informationen zur Verfügung stellen gerne den Kontakt her.

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Mag. Wilhelm Linder, ist als Business Consultant bei OBJENTIS Software Integration GmbH tätig und seit September 2008 Lehrbeauftragter an der Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik mit den Schwerpunkten Umweltberatung und Umweltbildung sowie Exkursionspädagogik und Naturvermittlung. Zusätzlich zu seinen Tätigkeiten engagiert er sich für die DigitalCity.Wien Flüchtlingsinitiative und erzählt uns in seinem Blogbeitrag seine Eindrücke und Erfahrungen.