Geht uns die Arbeit aus ? – Die Folgen der Digitalisierung der Wirtschaft und mögliche Antworten darauf

Geschrieben von Office DCW am in #DigitalMondayBlog, Home

Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht Nachrichten über den Wandel der Wirtschaft und dem damit angeblich einhergehenden Jobverlust zu lesen sind. „45 Prozent der heutigen Jobs durch Roboter bedroht“ schrieb Der Standard im Dezember 2015 . Im März 2014 schrieb die gleiche Zeitung: „Wie uns die Roboter das Fürchten lehren“ . Im Mai 2015 schreib die Wiener Zeitung mit Blick auf Deutschland: „Kollege Roboter besetzt die Arbeitsplätze“ . Im Jänner diesen Jahres war im Kurier zu lesen: „Wie wir 2030 arbeiten werden: Roboter werden viele Jobs vernichten, soziale Berufe an Bedeutung gewinnen“ .

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Klemens Himpele – (C) david bohmann / david bohmann photography

Höchste Zeit also, der Frage nachzugehen, ob uns die Arbeit ausgeht. Vielleicht eine (beruhigende) Bemerkung vorweg: Die Prognosen nach dem Ende der Erwerbsarbeit – und nur über die sprechen ich hier – waren in der Vergangenheit regelmäßig falsch. Entsprechende Titelseiten der deutschen Wochenzeitschrift Der Spiegel aus den Jahren 1964 und 1978 belegen dies (danke an Isabella Mader für den Hinweis auf die alten Titelseiten).

Meine These lautet jedenfalls, dass unabhängig von der Frage der Entwicklung der Anzahl der Arbeitsstunden die politischen Auswirkungen bereits heute zu spüren sind und dass die Debatte bisher doch sehr technikzentriert verlaufen ist. Warum wird Debatte jetzt (wieder) geführt? Der Haupttreiber der Debatte ist die Entwicklung der Technologie. Aufgrund der immer besseren Möglichkeiten kommen die Effekte des Internets jetzt erst so richtig zum Tragen. Ziel ist es, die Arbeit durch schlaue Maschinen und durch eine bessere Nutzung der Ressourcen zu reduzieren. Was dann nicht technisch erledigt werden kann, muss entweder durch teuer bezahlte ExpertInnen erledigt werden – die guten Jobs der Zukunft – oder wird durch einfache und schlecht bezahlte Arbeit erledigt – die kommenden Pakettransporteure und „Turker“, dazu später mehr. Auch Entwicklungen wie „Industrie 4.0“ und das Internet der Dinge (das Netzwerk „intelligenter“ Gegenstände) könnten weitreichende Auswirkungen auf bestehende Wirtschaftsstrukturen haben. Industrie 4.0 bezeichnet dabei die Vernetzung der Produktion. Es wird von einer „vierten industriellen Revolution“ gesprochen, nach

– der Mechanisierung im 18. Jahrhundert,

– der Elektrifizierung im 19. Jahrhundert und

– der Automatisierung im 20. Jahrhundert.

Industrie 4.0 ist dabei mehr als Vollautomatisierung. Nicht nur die Produktion, sondern auch die Produkte ändern sich.

Neben der Industrie 4.0 wird der Internet-Handel häufig als ein Treiber der Veränderung genannt: Laut KMU-Forschung kommt es durch e-Commerce im österreichischen Handel zu einem jährlichen Kaufkraftabfluss ins Ausland von rund drei Mrd. EUR. Zusätzlich müssen zudem die Kommissionszahlungen, die die Unternehmen an die Plattformen (amazon, ebay etc.) leisten müssen, berücksichtigt werden. Und die Tatsache, dass die Gewinne in Niedrigsteuerländer verschoben werden – zwecks „Steueroptimierung“. Panama lässt grüßen. Schließlich: Die Share Economy. Die Ökonomie des Teilens wurde als Hoffnungsträger für mehr soziale Verantwortung und Ressourcenschonung gesehen. Nachbarschaftsgärten, privates Car-Sharing und Food-Sharing stehen auch für eine Wertehaltung, die der Konsum- und Wachstumsorientierung kritisch gegenübersteht. Ganz im Gegensatz dazu die kommerziell geprägte Sharing-Economy. „Teilen statt besitzen“ ist hier das Geschäftsmodell – und Unternehmen wie Airbnb und UBER sind Großkonzerne, letzterer mit einem Wert von 60 Mrd. US-Dollar und Investoren wie Google und Goldman Sachs. Die On-Demand-Ökonomie wird Unternehmensstrukturen und Berufskarrieren nachhaltig verändern. Kritiker sprechen sogar von einem neuen Plattform-Kapitalismus, der „Sklavenhandel“ und „organisierte Schwarzarbeit“ mit sich bringt. Die massenhafte Verbreitung von Internet und Smartphone ermöglicht es, potenzielle AnbieterInnen und NutzerInnen in Sekundenschnelle miteinander zu verbinden – und das global. Neue Unternehmen wie Airbnb und UBER sind Internetplattformen, die über Apps den UserInnen die Möglichkeit bieten, als MikrounternehmerInnen direkt mit ihren KundInnen in Kontakt zu treten. Tatsächlich ist das für fast jede erdenkbare Dienstleistung möglich: In den USA können bereits ÄrztInnen, JuristInnen, aber auch Personal im Controlling- oder Buchhaltungsbereich online gebucht werden („book an expert“). Gleichzeitig sprechen wir davon, immer mehr Vorgänge vollständig zu automatisieren: Das selbstfahrende Auto ist bereits Realität. Auch Produktionsprozesse werden immer weiter automatisiert, viele Vorgänge sind auf KonsumentInnen abgewälzt worden (Banking, Buchungen) usw.

Und Routinetätigkeiten?

Die Arbeit, die dann nicht durch künstliche Intelligenz erledigt werden kann, wird dann durch künstliche künstliche Intelligenz – also Menschen – erledigt. Das bekannteste Beispiel ist Amazon Mechanical Turk – die oben angesprochenen „Turker“. Der Name hat übrigens einen Wien-Bezug: Ich zitiere aus Wikipedia : „Schachtürke oder kurz Türke ist die umgangssprachliche Bezeichnung für einen vorgeblichen Schachroboter, der 1769 von dem österreichisch-ungarischen Hofbeamten und Mechaniker Wolfgang von Kempelen konstruiert und gebaut wurde. Der Erbauer ließ bei den Zuschauern den Eindruck entstehen, dass dieses Gerät selbständig Schach spielte. Tatsächlich war darin aber ein menschlicher Schachspieler versteckt, der es bediente.“

Und so wie der Schachtürke nicht selbstständig Schach spielen konnte, so kann auch Amazon nicht alles technisch lösen. Deshalb wurde eine Crowdworking-Plattform eingerichtet – Amazon Mechanical Turk ist eine von vielen – um Kleinstaufträge zu vergeben. Hier warten 500.000 Menschen in 190 Ländern auf Aufträge wie Websites korrigieren und Korrekturlesen, Produktbeschreibungen oder Tonaufnahmen transkribieren. Amazon nimmt pro Auftrag 10 % Kommissionsgebühr, wobei die Mindestkommission bei 0,005 US-Dollar (sic!) pro Auftrag festgesetzt wurde. Hier entsteht also – wie beim Sharing – eine neue Form der Arbeit. Alles ist, wenn man so will, kommodifiziert. Der Mensch ist quasi KleinstunternehmerIn, sein gegenüber ein Computer und sein „Arbeitsvertrag“ sind AGB (siehe Mader . Dabei werfen sich die neuen Unternehmen gerne ins Zeug, um alte Regeln zu deregulieren – bspw., dass man ja Bewertungssysteme habe und daher der Markt transparent sei. Daher könne man auch vertrauen. Aber kann ein Kunde wirklich beurteilen, ob die Bremse des Autos funktioniert – oder überlassen wir das besser Regelungen? Und vertraue ich den Bewertungssystemen, oder gilt nicht vielmehr das, was Tom Slee in seinem Buch „Deins ist Meins“ schreibt? „Wir vertrauen Fremden auf Plattformen der Sharing Economy aus demselben Grund, aus dem wir Angestellten im Hotel und Kellnern im Restaurant vertrauen: weil sie prekäre Jobs haben, in denen Beschwerden von Kunden disziplinarische Konsequenzen haben können.“ Das aber ist dann doch weit von einer Community entfernt, die gerne beschworen wird.

Arbeit ist für Menschen zentral

Arbeit ist als Einkommensquelle und zur sozialen Lebensgestaltung für Menschen zentral. Deshalb sind der Kampf um „Gute Arbeit“ und der Kampf gegen Arbeitslosigkeit so wichtig. „Neben einem existenzsichernden Einkommen zielt „Gute Arbeit“ auf eine hohe Beschäftigungsqualität. „Gute Arbeit“ umfasst neben fairen Löhnen und Arbeitsplatzsicherheit auch sozialen Schutz, Gesundheitsschutz sowie eine familienfreundliche Arbeitsorganisation“ heißt es in den „Leitlinien der Wiener Wirtschaftspolitik“ . Diese Rahmenbedingungen werden durch Gewerkschaften und ArbeitgeberInnenverbände ausgehandelt bzw. im Betrieb erstritten. Es gibt einerseits eine organisierte ArbeitnehmerInnenschaft, andererseits ansprechbare ArbeitgeberInnen. Wenn nun der Computer der Chef ist – und die Allgemeinen Geschäftsbedingungen der „Arbeitsvertrag“ – dann stellen sich eine ganze Reihe an Fragen neu. Denn mit wem bespricht man die Arbeitsleistung – auch an schlechten Tagen? Mit wem verhandelt man die Arbeitszeit? Die Lohnerhöhungen? Letztlich bleibt nach der Logik von Airbnb, UBER usw. nur die Möglichkeit, die AGB zu akzeptieren – die zudem einseitig geändert werden können – oder auf die Arbeit und damit Einkommen zu verzichten. Isabella Mader hat diese Problematik des auf die AGB zurückgeworfen seins pointiert auf den Punkt gebracht: „Wage theft is a feature, not a bug“. Und wer – aus welchen Gründen auch immer (schlechte KundInnenbewertung bspw.) – durch das System gesperrt wird, der bekommt keine Aufträge mehr. Max Schrems hat in einem anderen Zusammenhang die so entstehende Ohnmacht beschrieben wenn es heißt: „Computer says ‚No‘“ (Schrems 2014, Kämpf um Deine Daten, S. 51ff.).

Kurzum: Alle Errungenschaften des Sozialstaats stehen hier zur Disposition. Daher werden wir neue Lösungen finden müssen, die einerseits technologischen Fortschritt ermöglichen und andererseits soziale Standards absichern.

Geht uns die Arbeit aus – Studien über Studien

Was sagt nun eigentlich die Literatur zur Frage, ob uns die Arbeit ausgeht? In den letzten Jahren häufen sich die Prognosen zu Beschäftigungseffekten eines neuen Digitalisierungsschubes bzw. allgemein zum nochmals erweiterten Einsatz von IKT. Jedoch ist die Bandbreite gewaltig, was die reinen Zahlen angeht. Das Fraunhofer-Institut bzw. die dort befragten Industrie-ExpertInnen rechneten ohne konkrete Zeitangabe mit 1,5 Millionen mehr oder auch weniger Arbeitsplätzen in Deutschland durch die vernetzte Produktion. Die Boston Consulting Group erwartet ein Beschäftigungsplus von bis zu 390.000 neuen Jobs in Deutschland in den nächsten zehn Jahren.

Schon anhand dieser Bandbreite wird ersichtlich, dass diese Prognosen noch wenig robust sind. Ein besonders einflussreiches Subgenre der Arbeitsmarktprognosen ist um die sogenannte „Oxford-Studie“ herum entstanden: Diese wurde für ihre Einschätzung bekannt, dass etwa 47 % aller Arbeitsplätze in den USA in den nächsten Jahren automatisierbar seien. Frey und Osborne gehen von den Befunden der Literatur über den „skill biased technological change“ aus, bei dem angenommen wird, dass Informations- und Kommunikationstechnologien auf verschiedene Typen von Arbeitsplätzen unterschiedliche Auswirkungen haben: Bei hochqualifizierten Beschäftigten ergänzen Computer und IT-Netze usw. die Arbeit, weshalb diese produktiver und damit begehrter am Arbeitsmarkt werden. Einfach qualifizierte Beschäftigte konzentrieren sich zunehmend in den nicht- oder schwer automatisierbaren Tätigkeiten. Bei den Beschäftigten mit mittlerer Qualifikation, etwa FacharbeiterInnen oder administrativ Tätige, kommt es am ehesten zur Substitution von Arbeitsplätzen durch neue Technologien. Dennoch gibt es, so Frey und Osborne, technische Engstellen, die eine Automatisierung vorerst verhindern. Diese lägen bei der sozialen Intelligenz und Kreativität sowie im Bereich der Wahrnehmung und Manipulation. Diese Engstellen derzeitiger Automatisierung werden in der Studie dann auf berufliche Tätigkeitsbeschreibungen abgebildet: Berufe, in denen automatisierbare Tätigkeiten vorkommen, sind dementsprechend mit bestimmten Wahrscheinlichkeiten automatisierbar.

In der Sicht von Frey und Osborne (und auch bei Brynjolfsson und McAfee 2014) ändert sich das bisherige Muster technologiegetriebener Arbeitsmarktentwicklung. Das sowohl in den USA als auch in Europa beobachtete Muster der Polarisierung auf dem Arbeitsmarkt würde nicht weiter gelten, sondern mittlere und einfache Tätigkeiten würden in einem Maß wegfallen, das bisher durch Automatisierungsschranken begrenzt war. Das betreffe z.B. auch und gerade jene „einfachen“ Dienstleistungsjobs in Handel, Reinigung oder Gastgewerbe, die zum Teil erst in den letzten Jahren zugenommen haben und nunmehr durch „Koch-, Garten- und Serviceroboter“ zu ersetzen seien. In der Industrie gelten die (verbliebenen) einfachen manuellen Tätigkeiten als gefährdet, ebenso wie die vor- und nachgelagerten Angestelltenjobs, die mit der Disposition und Produktionsplanung befasst sind. Direkt durch Techniken der „Industrie 4.0“ getrieben dürften Veränderungen in Transport und Logistik sein, wo eher Beschäftigung wegfallen könnte. Auch Dienstleistungs-, Verkaufs- und Bauberufe erscheinen nunmehr als automatisierbar; durch Roboter, Selbstbedienungsschnittstellen oder beim Bau durch vorgefertigte Bauteile. Besonders wenig gefährdet erscheinen bei vielen AutorInnen und so auch bei Frey und Osborne Berufe, die mit Kreativität/Originalität, Verhandeln/Überzeugen oder mit Sorgearbeit/Sensibilität zu tun haben. Deutsche IndustriesoziologInnen und InnovationsforscherInnen behaupten jedoch, dass Routinetätigkeiten weiterhin nicht ohne weiteres automatisierbar sein werden. Die Untersuchung früherer Rationalisierungsschritte und technologieintensiver Arbeitsfelder zeigt immer wieder, dass Visionen menschenleerer Fabriken kaum funktionierten bzw. dass erhebliche Umsetzungsprobleme einschneidende Kurskorrekturen erforderten und sich die gewünschten Nutzenerwartungen erst durch umfassende arbeitsorientierte Korrekturen einstellten. Einen interessanten methodischen Weg haben die deutschen Industriesoziologinnen Sabine Pfeiffer und Anne Suphan (2015) eingeschlagen. Sie generierten einen „Arbeitsvermögens-Index“, der insbesondere den „Nicht-Routinegehalt“ der jeweiligen Arbeit misst. Daraus ergibt sich, dass lediglich 20 % der Befragten tatsächlich einfache Tätigkeiten ohne Lern- und Problemlösungsanforderungen (frei von Nicht-Routine) ausüben und demgegenüber etwa 70 % aller Erwerbstätigkeiten einen relativ hohen „AV-Index“ haben, d.h. jederzeit imstande sein müssen, flexibel auf unvorhergesehene Probleme zu reagieren, wenn die Arbeitssituation dies erfordert.

Von Keynes bis heute

Die Debatte über die Frage, ob die Produktivitätsentwicklung zu einer Reduktion und/oder Veränderung der Arbeit führt ist keinesfalls neu. John Maynard Keynes hat 1930 einen kurzen Text verfasst mit dem Titel: „Wirtschaftliche Möglichkeiten für unsere Enkelkinder“. Darin schrieb er: „Wir wollen einmal unterstellen, dass es uns allen von heute an in hundert Jahren in wirtschaftlicher Hinsicht im Durchschnitt achtmal besser geht als heute. Dies bräuchte uns ganz gewiss nicht zu überraschen.“ Keynes unterstellte demnach einen enormen Produkitivtätsgewinn – und behielt damit Recht. Weiters schreibt Keynes: „Unter der Annahme, dass keine bedeutenden Kriege und keine erhebliche Bevölkerungsvermehrung mehr stattfinden, komme ich zu dem Ergebnis, dass das wirtschaftliche Problem innerhalb von hundert Jahren gelöst sein dürfte, oder mindestens kurz vor der Lösung stehen wird. Dies bedeutet, dass das wirtschaftliche Problem − wenn wir in die Zukunft sehen − nicht das beständige Problem der Menschheit ist.“ Um diese Aussage Keynes‘ zu bestätigen haben wir also noch ein paar Jahre Zeit. In der Folge macht Keynes sich Gedanken darüber, wie eigentlich die Freizeit der Menschen zu gestalten wäre, wenn man mit so wenig Arbeit auskommt. Eine spannende Perspektive.

Es ist also keinesfalls neu, dass sich Ökonomen Gedanken über das Ende der Arbeit machen. Allerdings war es für Keynes eine Verheißung, für uns heute scheint es eine Bedrohung zu sein. Hinzu kommt aber etwas anderes: Keynes hat schlicht unterschätzt, welche Bedürfnisse Menschen entwickeln können. Wir brauchen offenbar immer mehr und mehr – und deshalb geht uns die Arbeit vielleicht auch gar nicht aus? Schließlich gab es immer einen Wandel in der Berufswelt und ich habe bereits erwähnt: Alle Prognosen vom Ende der Arbeit waren bisher falsch. Hierzu lohnt ein Blick in die Liste der historischen Berufe bei Wikipedia . Die Berufe, die ausgestorben sind, sind entweder durch andere Tätigkeiten ersetzt worden oder aber es ist durch Arbeitszeitverkürzungen zu einer Mehrung des Wohlstands gekommen. Oder möchten wir wieder Gasriecher beschäftigen?

Dennoch: Für uns ist die Frage, was diese Entwicklung für Wien bedeutet natürlich entscheidend. Wir wollten es für Wien genauer wissen und haben die Forschungsstelle Arbeitswelt gebeten, sich die Auswirkungen der derzeitigen Mega-Trends auf den Wiener Arbeitsmarkt anzusehen. Die Ergebnisse sind sehr interessant – und deutlich weniger spektakulär als in vielen Studien. Die Studie ist hier online verfügbar .

Zwischenfazit:

Als Zwischenfazit kann man festhalten: Die Berufswelt wird sich massiv ändern, wenngleich wir nicht davon ausgehen, dass die „Horrorgeschichten“ vom Wegfall der Hälfte der Jobs eintreten werden. Wichtig ist dabei, dass sich manche Beschäftigungen verschieben werden und dass vor allem vieles auch politisch gestaltbar ist. Die Frage ist aber, auf welcher Ebene. Diese politische Gestaltung ist zwingend notwendig – auch, um eine Polarisierung der Gesellschaft zu verhindern.

Unsicherheit als treibender gesellschaftlicher Faktor? Wir haben es heute politisch mit einer Situation zu tun, die die Menschen verunsichert: Migration verändert die Lebensbedingungen, insbesondere in Städten. Während ich das spannend finde, die Dichte der Stadt liebe, das Urbane an Wien mit seinen Möglichkeiten und Angeboten schätze, macht das anderen Menschen Angst. Zudem haben wir es seit Jahren mit einer Wirtschaftskrise zu tun – entsprechende Abstiegsängste sind damit verbunden. Wir sagen den Menschen, dass sie sich weiterbilden müssen – die Botschaft ist also auch: Ihr müsste mehr leisten, besser sein als heute. Die teilweise bescheidenen Einkommensmöglichkeiten lassen auch viele an Ihrer Rolle zweifeln und ich empfehle jedem, sich mit den kulturellen Folgen solcher Abstiegsängste zu befassen. Zumal Arbeitslosigkeit eben mehr ist als nur das Fehlen von Einkommen – siehe die Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ – die man heute unbedingt noch einmal lesen sollte! Schließlich merken die Menschen, dass es nicht gerecht zugeht, wenn insbesondere die großen Firmen, die von der Digitalisierung leben, kaum oder keine Steuern zahlen und sich insgesamt eine Ohnmacht gegenüber die Googles dieser Welt einstellt. Die „Panama-Papers“ haben mal wieder aufgezeigt, dass es sich einige eben doch richten können. Das ist ein politisches Problem mit erheblicher Sprengkraft.

Ja, die neuen Technologien bieten enorme Chancen. Kaum jemand hier im Raum wird diese nicht nutzen. Natürlich googlen wir, verreisen mit AirBNB, bestellen bei Amazon. Aber denken wir auch daran, was es bedeutet, wenn der Algorithmus der Chef ist? Was passiert eigentlich – frei nach Max Schrems – wenn der Computer Nein sagt?

Was, wenn der Rechtspopulismus eine Widerstandsbewegung gegen diese neue Moderne ist?

Um das beispielhaft zu verdeutlichen: Der Postbeamte war vielleicht nicht der spannendste Job der Welt, aber er war geachtet, er war anständig entlohnt, er war wertgeschätzt. Die Post kam zuverlässig, wenn auch etwas langsamer als heute. Und heute? In Zeiten des Online-Handels? Die Post wird von verschiedenen Diensten gebracht, die keine eigenen Filialen haben. Die Paketdienste beschäftigen eher schlecht bezahlt, die Arbeit wurde massiv entwertet, der Druck massiv erhöht. Diese Entwertung der Arbeit ist aber erstens kein Naturgesetz, und zweitens begreifen die Menschen vielleicht ja besser als wir glauben, was da passiert.

Was aber bedeutet das alles?

Der Wiener Gemeinderat hat im September 2015 die FTI-Strategie Innovatives Wien 2020 beschlossen. Hierin wird ein breiter Innovationsbegriff genutzt, der der technologisch getriebenen Innovation eine sozial akzeptierte und gewünschte Innovation entgegenstellt. Es muss darum gehen, Neuerungen für die Menschen zu finden und die Menschen auch breit einzubinden. Das, was mit der Digitalen Agenda geschehen ist, ist hier ein erster Schritt. Eine Antwort ist also, die Frage zu stellen, was uns als Gesellschaft weiter bringt, welche Fragen gelöst werden müssen für ein gutes Leben aller Menschen.

Ein zentraler Punkt, gerade auch angesichts der Monopol- und Oligopoltendenzen im Bereich der Internetökonomien, sind neue Regeln: „Zwischen dem Starken und dem Schwachen, zwischen dem Reichen und dem Armen, zwischen dem Herrn und dem Diener ist es die Freiheit, die unterdrückt, und das Gesetz, das befreit.“ (Henri Lacordaire, franz. Dominikaner, 1802-1861). Wir sollten das sehr ernst nehmen – siehe Postboten und Menschen, die online bestellen!

Wir wollen und wir werden neue Technologien nutzen. Wir müssen aber enorm aufpassen, dass es keine Spaltung der Gesellschaft gibt; eine Spaltung in jene, die über dem Algorithmus arbeiten – also programmieren, Maschinen bedienen usw. – und in jene, die unter dem Algorithmus arbeiten (siehe erneut Mader ). Wir müssen die Rechte der Schwachen im Blick haben und können nicht nonchalant darüber hinweggehen so nach dem Motto: Dann nutz halt selber die Technologie! Es gibt auf dieser Welt keine Chancengleichheit, sondern es gibt Stärkere und Schwächere. Auch im Zeitalter des Internets. Hier bedarf es klarer Regeln.

Wir brauchen klare Regeln für neue Wirtschaftsformen. Wir haben als Stadt Wien begonnen, die Regeln so zu fassen, dass noch klarer wird, dass natürlich auch Einkünfte der Share Economy zu versteuern sind und Sozialbeiträge anfallen (Infos siehe hier) . Wir wollen damit nicht die Idee des Sharing totregulieren, aber deutlich machen, dass Sozialdumping keine Innovation ist. Wir werden hierfür das Wiener Tourismus Förderungsgesetz ändern, um einen besseren Vollzug sicherzustellen. Und wir brauchen die EU: Es kann nicht sein, dass die Unternehmen in den Steuerparadiesen sitzen und sich so der Verantwortung entziehen auch für das Gemeinwohl, von dem sie profitieren, mitzubezahlen.

Ich zitierte hier erneut Tom Slee (S. 97), der sich auf Brian O’Keefe und Marty Jones beruft. Denn: staatliche Einnahmen sind für die Bezahlung staatlicher Arbeit zentral, auch hier geht es um die Zukunft der Arbeit:

„Wenn Sie in Berlin oder Toronto eine UBER-Fahrt bezahlen, wird Ihre Kreditkarte von UBER BV belastet, einer aus steuerlichen Gründen in den Niederlanden eingetragenen Firma. (…) UBER BV (…) macht aber keinen Gewinn, weil es sorgfältig kalkulierte Lizenzgebühren an das Mutterunternehmen dafür bezahlt, dass es dessen geistiges Eigentum in einer anderen in den Niederlanden angesiedelten Tochtergesellschaft nutzt, Uber International CV. Und ohne Gewinne muss UBER BV auch nicht in nennenswertem Umfang Steuern bezahlen. Uber International CV zahlt gleichfalls keine Steuern. Aus Sicht der Niederländer wird Uber International CV von amerikanischen Besitzern kontrolliert und hat seinen Hauptsitz auf den Bermudas. Die Lizenzgebühren sind nicht steuerpflichtig, und technisch gesehen übt das Unternehmen in den Niederlanden keine Geschäftstätigkeit aus. Dank dieser Firmenkonstruktion zahlt Uber in den Niederlanden praktisch keine Steuern. Doch damit nicht genug: Für die amerikanischen Steuerbehörden ist Uber International CV eine niederländische Firma und darf deshalb die Zahlung von Einkommensteuern an die [Bundesbehörde] IRS unbegrenzt hinausschieben. Und so kommt es, dass Uber auf jeweils 10 Dollar Nettoeinnahmen aus Transaktionen außerhalb der USA gerade einmal 14,50 Cent Steuern entrichtet.“ So Tom Slee. Und die traditionellen Taxler?

Neben der Steuerporblematik stellt sich die Frage des ArbeitnehmerInnenschutzes. So modern die Share Economy auch daherkommen mag, an dieser Stelle wird es darum gehen, neue Schutzmechanismen für „ArbeitnehmerInnen“ zu definieren und durchzusetzen. Hier hat in den Rechtswissenschaften eine interessante Debatte begonnen, in der die ProtagonistInnen diskutieren, den ArbeitgeberInnenbegriff vor allem funktional zu definieren. So schlagen der Oxford-Jurist Prassl und Martin Risak von der Universität Wien fünf Funktionen vor, die die Eigenschaft als ArbeitgeberIn definieren . Wenn diese etwa seitens einer Plattform erfüllt werden, dann sei von einem Arbeitsverhältnis auszugehen und die entsprechenden Schutzbestimmungen des Arbeits- und Sozialrechts zu gewährleisten. Prassl und Risak arbeiten in ihrem Beitrag die Probleme und Herausforderungen der neuen Art von Einkommenserzielung heraus und weisen dabei auch auf interessante Problemstellungen hin: Während in den „klassischen“ Betrieben die Organisation von ArbeitnehmerInnen zur gemeinsamen Durchsetzung von Interessen über Gewerkschaften ein anerkanntes Mittel ist, die Machtungleichheit zwischen ArbeitgeberInnen und ArbeitnehmerInnen jedenfalls teilweise auszugleichen, können sich die „MitarbeiterInnen“ einer Plattform nicht zusammenschließen, da sie als formal Selbstständige sogar Schwierigkeiten mit dem Kartellrecht bekommen könnten. In der Tat kann die Frage gestellt werden, was eigentlich der Unterschied einer Plattform wie UBER und einer Arbeitgeberin/eines Arbeitgebers im „klassischen“ Sinn ist: Beide betreiben Auftragsakquise, beide bestimmen, wer den Auftrag ausführt, beide verdienen an der Arbeit der „MitarbeiterInnen“, beide organisieren die Bezahlung, beide haben erheblichen Einfluss auf die interne Unternehmensgestaltung und die Positionierung am Markt. Prassl und Risak haben hier eine notwendige Debatte angestoßen. Auch der KonsumentInnenschutz ist ein riesiges Thema. Schon heute haben wir erhebliche Probleme mit Hotlines und dergleichen, was aber, wenn mir bei einem Sharing-Modell etwas zustößt? Wer sichert mich da ab?

Die Menschen haben ein gutes Sensorium für Gerechtigkeit, und meine These – ich habe es schon gesagt – wäre, dass ein Teil des Widerstandes, den wir heute erleben, ein grundsätzlicher Widerstand gegen die Moderne ist. Das kann uns als technikaffine Menschen nicht egal sein. Keiner will Maschinenstürmereien, aber auch die beste Ingenieurin/der beste Ingenieur können nicht aus der Gesellschaft austreten. Sie bleiben ein soziales Wesen und vom Handeln ihrer Umgebung mitbestimmt. Aus politischer Überzeugung, jedenfalls aber aus purem Eigeninteresse müssen wir die Bedürfnisse der Menschen in den Mittelpunkt stellen. Wir brauchen hier Veränderungen, wir müssen Regeln adaptieren, keine Frage. Aber wenn die Menschen „Reform“ hören sollen sie nicht Angst bekommen, sondern wissen: Es wird besser. Für sie. Ganz konkret.

Wird uns die Arbeit also Ausgehen?

Ich glaube nicht. Wir haben jede Menge Bereiche, die wachsen werden. Wir haben heute eine Menge an unbezahlter Arbeit. Laut Zeitverwendungsstudie der Statistik Austria werden in Wien von Frauen pro Tag 4h 14min bzw. von Männern 2h 28min an unbezahlter Arbeit (Haushaltsführung, Kinderbetreuung, Pflege, Freiwilligenarbeit, Ehrenamt, Vereinstätigkeit) geleistet. Die Diskrepanz zwischen Frauen und Männern haben hoffentlich alle mitbekommen. Ferner gilt: keiner sollte sich ernsthaft dagegen wehren, wenn weniger sinnstiftende Arbeit wegfällt. Niemand will Häuser wieder ohne Kräne erbauen, keiner die U-Bahn durch Pferdedroschken ersetzen. Eine Veränderung der Arbeitswelt schafft eben auch neue Jobs, und man kann und wird über eine Neuverteilung der Arbeit reden müssen. Denn auch hier gilt: Die, die haben werden zunehmend „selbstoptimiert“ – ob das gewollt ist wäre eine andere Debatte. Also kein „Ende der Arbeit“! Was wir aber sehr wohl haben ist eine enorme Veränderung der Arbeitswelt. Und wir müssen uns dringend Gedanken darüber machen, wie wir die verbleibende sinnstiftende Arbeit, das Einkommen und das Vermögen verteilen. Denn eines muss uns auch klar sein: Die technologische Entwicklung bedeutet: Mehr Wohlstand. Das ist wichtig! Die Technik schafft zusätzliche Möglichkeiten! Die Gefahr ist aber: Mehr Wohlstand für wenige. Die Verteilungsfrage – spätestens seit Pickety wieder gestellt und dankdes Forschungsinstituts Economics of Inequality an der WU auch in Österreich präsent – stellt sich. Für uns alle. Stadträtin Renate Brauner hat es bei der Auftaktveranstaltung zu Innovatives Wien 2020 am 10. September 2014 wie folgt formuliert:

„Die Auswirkungen der Innovationen auf die Menschen müssen berücksichtigt werden –‚Technikfolgenabschätzung‘ klingt vielleicht nicht sehr aufregend, ist aber zwingend notwendig. Wenn wir immer produktiver werden, wenn künstliche Intelligenz uns Arbeit abnimmt, dann ist das erfreulich. Wenn Unfälle durch selbstfahrende Fahrzeuge reduziert, schwere Arbeiten durch Maschinen erleichtert werden – wunderbar! Gerade viele Tätigkeiten, die weniger sinnstiftend sind, können maschinell erledigt werden. Das ist ein Fortschritt. Daran muss jedoch unmittelbar die Frage anknüpfen, wie wir (sinnstiftende) menschliche Arbeit und Einkommen und Vermögen verteilen.“ Und weiter:

„Wir müssen einer technologischen Spaltung der Gesellschaft entgegentreten. Das gute Leben der einen darf nicht zu Lasten der anderen verwirklicht werden. Innovationen müssen den Menschen zu Gute kommen. Und wir müssen dafür Sorge tragen, dass auch in diesen Zeiten die individualisierte Produzenten-Konsumenten-Beziehung – Stichwort: Crowdworking bzw. AirBNB, UBER usw. – nicht zu Lasten von arbeitsrechtlichen Regelungen und kollektivvertraglichen Löhnen geht. Sozialrechtliche Absicherungen sind eben keine altmodischen Marotten, sondern es sind hart erkämpfte Standards, die für eine gerechtere und lebenswertere Gesellschaft unabdingbar sind. Das heißt nicht, dass der Fortschritt aufgehalten werden soll – im Gegenteil: Wir wollen ihn gestalten, wir wollen ihn nutzbar machen!“ So Renate Brauner.

Kurzum: Die neuen Technologien bieten Chancen, die wir nutzen sollten. Neue technologische Möglichkeiten sind erst einmal erfreulich, denn sie erweitern unseren Handlungsspielraum. Aber die Risiken dürfen nicht übersehen werden! Dass technologische und soziale Innovation miteinander gehen müssen ist ein zwingendes Erfordernis – keine Marotte der Wiener FTI-Strategie.

Ausblick

Man könnte noch mehr zu diesem Thema schreiben. So fehlen bspw. die Verdichtung der Arbeit, der Datenschutz, die Selbstbestimmung des Lebens…Ich weiß, dass eine große Schwierigkeit in den unterschiedlichen Sprachen und Welten liegt: Jemand, der technische Entwicklungen gut nutzen und einsetzen kann wird manche Sorgen und Ängste für übertrieben halten. Und in der Tat hat Maschinenstürmerei noch nie sehr weit geführt. Aber die Kosten gesellschaftlicher Entwicklungen können enorm sein, wenn es nicht gelingt, gemeinsam und im Diskurs zu definieren, was eigentlich die Grundlage unseres sozialen Daseins ist. Und hierfür kann und soll Technik und technischer Fortschritt genutzt werden. Es muss aber auch klar sein, dass wir selbst die Regeln bestimmen – auch wenn es vermeintlich bessere technische Lösungen gibt. Und es muss klar sein, dass sinnvolle Tätigkeiten wesentlicher Lebensinhalt der Menschen sind. Die Arbeit wird uns nicht ausgehen, wir müssen sie aber bewusster gestalten. Denn letztlich geht es um das gute Leben – für alle.

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Klemens Himpele ist Leiter der Wiener Magistratsabteilung 23 – Wirtschaft, Arbeit & Statistik. Er hat VWL sozialwissenschaftliche Richtung in Köln studiert und arbeitete vor seinem Wechsel in die Wiener Stadtverwaltung in der Bildungsforschung, bei Statistik Austria und bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (Deutschland).