Mobility 3.0 – und warum wir Sharing-Systeme zugleich lieben und hassen können …

Geschrieben von Office DCW am in #DigitalMondayBlog, Home

Wenn wir einen kleinen Blick auf die Entwicklung der Mobilität zurückwerfen, sehen wir wunderbar, dass wir nie 100 % der Mobilitätsnachfrage in Städten befriedigen konnten, nämlich schnell, günstig, komfortabel und umweltfreundlich von unserem momentanen Standpunkt zum Endziel zu gelangen. Fahren wir privat, müssen wir uns auf hohe Kosten, Stau und Parkplatzsuche einstellen. Fahren wir öffentlich, müssen wir zur nahegelegenen Station gehen, warten, evtl. umsteigen und wieder zu unserem Endziel gehen, geschweige denn bei 40 Grad in den Öffis an den Achseln des Nachbarn zu schnüffeln.

Jonathan Gleixner

Da dieses Problem von immer mehr Personen erkannt wird, entstehen dafür zahlreiche Anbieter für Car-Sharing, Bike-Sharing, Moped-Sharing usw., welche sogar zusätzlich immer mehr auf Elektro-Mobilität setzen.

Wie man leicht erkennen kann, entsteht dadurch eine ganz neue Form der Mobilität. Es kann sich somit jeder von seinem Standtort (wird die höchste Regel im Sharing – nämlich die Verfügbarkeit in der unmittelbaren Nähe- eingehalten) direkt zu seinem Endziel fortbewegen.

Dadurch sollte das Problem doch gelöst sein und jeder sollte es lieben!

Wenn man sich jedoch die jüngsten Ereignisse ansieht, bei denen die Anbieter entweder aus Städten verbannt, oder sich diese selber zurückziehen, hat das gute Gründe. Ein Problem der Nutzer, der Anbieter, oder sogar der Städte?

Selbstverständlich sind diese drei Gruppen für ein gut funktionierendes Sharing-System Voraussetzung. Jedoch spielen die Anbieter, welche für den Service (Zustand der Fahrzeuge, Verfügbarkeit etc.) eine wichtige Rolle. Noch viel wichtiger ist jedoch das Flottenmanagement-System dahinter. Die meisten Systeme werden von externen Anbietern zugekauft, die meist keine Erfahrung haben, welche Aspekte tatsächlich für solche Systeme notwendig sind. Wer sich schon einmal mit einem gängigen Flottenmanagement-System für Poolfahrzeuge z.B. von Unternehmen auseinandergesetzt hat, weiß, wie komplex diese sein können, bzw. kann man sich die Komplexität ausmalen. Noch deutlich komplexer wird das System im Sharing, wenn Werkstattaufenthalte auf die Stunde genau geplant werden müssen, da jedes Fahrzeug, was steht, Geld kostet und die Verfügbarkeit der Fahrzeuge somit sinkt. Des weiteren muss „Relocating“ betrieben werden (d.h. das Umschichten der Fahrzeuge von Orten, an denen diese nicht gebraucht werden, zu hochfrequenzierten Orten). Eine andere Aufgabe sollte sein, Anreize bei Nutzern zu schaffen, die Fahrzeuge nur an bestimmten Orten abzustellen. Somit hat der Nutzer die Vorteile eines Free-Floating Systems (stationsungebundenes System) und die Fahrzeuge stehen nicht mehr ungenutzt und behindernd an jeder Ecke herum.

Eine Kombination aus diesen Punkten, macht ein Sharing-System erst effizient. Die perfekte Symbiose aus Betreiber, Nutzer und Gesetzgeber schafft die Basis eines komplett neuen Mobilitätssystems, welche in weiterer Folge durch autonomes Fahren auf ein ganz neues Level gehoben werden kann. Der Betreiber ist dann in der Lage, mit einer kleinen Flotte, welche so gut wie den ganzen Tag ausglastet ist, einen Großteil der Mobilität abzudecken. Die Basis dieser Informationen geben dem Betreiber die Möglichkeit, Mobilitätsströme und Intermodalverkehr genauestens zu analysieren und zu kombinieren, dass gewisse Hauptrouten gar nicht mehr durch herkömmliche Bus- und Straßenbahnlinien abgedeckt werden, sondern mit größeren Fahrzeugen für die Hauptverkehrszeit und mit kleineren Fahrzeugen in der Nebenverkehrszeit abgedeckt werden, um der exakten Nachfrage des Nutzers zu entsprechen. Somit können, laut einer Studie des MIT’s, 60 % des gesamten Stadtverkehrs reduziert werden. Dies macht ein System nicht nur effizienter und somit günstiger, sondern schafft zudem eine deutlich höhere Lebensqualität in Städten.

Wenn allerdings hochbudgetierte Start-Ups nur den Use-Case testen wollen, um es in weiterer Folge möglichst teuer zu verkaufen – koste es was es wolle – ohne sich Gedanken zu machen, wie große Flotten nachhaltig gemanagt werden und Städte mit Fahrzeugen „zugemüllt“ werden, schafft dieses Vorgehen bei allen Beteiligten wenig Sympathie.

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Jonathan Gleixner ist Geschäftsführer der goUrban e-Mobility GmbH und sammelte neben dem wachsenden Trend des Sharing, zahlreiche Erfahrungen im Bereich der e-Mobilität. Während seines Betriebswirtschaftsstudiums an der WU Wien prägte ihn die Erfahrungen im Bereich Logistik in Deutschland und er beschäftigte sich in Singapur mit der Entwicklung von Systemen für die technische Wartung von Zügen und U-Bahnen für Süd-Ostasien.