Silicon Savannah – Warum wir im digitalen Afrika dabei sein müssen – Learning Journey

Geschrieben von Office DCW am in #DigitalMondayBlog, Home

Ist Ihnen aufgefallen, dass die Wahlen in Kenia vom 8. August bei uns aus der Berichterstattung verschwunden waren, noch bevor der genaue Ausgang geklärt war? Der Herausforderer bei den Präsidentenwahlen hatte gedroht, die Angst vor Unruhen lag in der Luft. Als die Drohung vom Tisch war, war es auch die Berichterstattung bei uns. Nichts hörten wir vom großen Engagement der Bevölkerung bei den Wahlen und dass sich diese nicht von Politikern für deren persönliche Machterhaltung in Geiselhaft nehmen ließen. Überhaupt hören wir in Europa nur wenig über die Veränderungen, die Menschen in afrikanischen Ländern, Menschen wie Sie und ich, in den letzten Jahrzehnten durchlaufen haben.

Mag. Hans Stoisser

Erster afrikanischer Weltmarktführer

Als Anfang der 2000er Jahre die Mobiltelefonie bis in den hintersten Winkel afrikanischer Dörfer ausgerollt wurden war es möglich, Telefonguthaben von einem Mobiltelefon auf andere zu übertragen. Das wurde massenweise nachgefragt. Die Menschen aus der Stadt übertrugen den Familienmitgliedern am Land ihre Gesprächsminuten. Und diese kauften damit am lokalen Markt oder in ihren Geschäften ein. Das brachte den Durchbruch.

2007 entstand in Kenia die erste „mobile Bank“ der Welt. M-Pesa wurde zum Vorreiter einer neuen Branche und bringt es heute alleine auf seinem Heimatmarkt Kenia auf über 20 Millionen Kunden. In weiteren sieben afrikanischen Ländern ist das Unternehmen aktiv, außerdem in Indien und mittlerweile auch an der Peripherie Europas in Rumänien und Albanien. M-Pesa ist damit der erste afrikanische Weltmarktführer in einem wichtigen Wirtschaftsbereich.

Silicon Savannah

Zunächst hat die Mobiltelefonie innerhalb weniger Jahre Hunderten Millionen Menschen einen Zugang zu Kommunikation ermöglicht, dann haben die mobilen Banken für diese Menschen einen Zugang zur Geldwirtschaft geschaffen. Innovativ wurden damit Grundvoraussetzungen für das Wirtschaften der „kleinen Leute“ hergestellt.

Heute ist „mobile money“ in den afrikanischen Hotspots Nairobi, Lagos, Accra, Kigali oder Johannesburg eine Basistechnologie, die ganz Neues entstehen lässt. Zum Beispiel in „Silicon Savannah“, wie die Szene der digitalen Wirtschaft in Nairobi bezeichnet wird: ENEZA hat ein Lernhilfe-App geschaffen, mit mittlerweile zwei Millionen Nutzerinnen und Nutzer. Das Unternehmen hat dabei die zentrale Rolle verbaler Kommunikation erkannt und betreibt ein hoch professionelles Call-Center. Ambitioniert will man in den nächsten Jahren 50 Millionen Schüler und Schülerinnen erreichen.

Im Gesundheitsbereich bieten moderne Public Private Partnerships ganz neue Lösungen für Vorsorge, Krankenbetreuung und Ausbildung von Gesundheitspersonal in den entlegenen Regionen der Länder an. Und im Energiebereich machen gerade die „Off-Grid Solaranlagen“ von sich reden. Nicht an das Stromnetz, aber an das Mobiltelefonnetz angeschlossen. Ein Solarpanel, eine Batterie, ein Fernseher, Elektroinstallation und ein mit einer SIM-Karte ausgestattetes Steuerungsgerät werden an Haushalte verleast. Über das Steuergerät werden mittels mobile money die Raten bezahlt. Ende 2016 waren im östlichen Afrika 600.000 Haushalte mit solchen Anlagen ausgestattet. Und da sich immer mehr Anbieter am Markt tummeln und die Nachfrage riesengroß ist, werden es heuer noch weit über eine Million ländliche und damit eher ärmere Haushalte sein.

Hinzu kommen immer mehr „Micro-Grids“ und „Mini-Grids“, also lokale Stromnetze für wenige Tausend Haushalte, zumeist mit Solar- oder Wasserenergie gespeist. Interessant dabei: Amerikanische Betreiber von Kleinnetzen in Kenia bereiten derzeit den Einsatz der Blockchain-Technologie vor.

Nächste Stufe des Leapfroggings?

Steht in afrikanischen Ländern damit eine neue Stufe des Überspringens von Technologien (Leappfrogging) bevor? Werden flächendeckende zentrale Stromversorgungsnetze übergangen und gleich dezentral gesteuerte, smarte Versorgungsnetze entstehen? Und wird der Kampf um die zukünftig global dominierende Plattform für intelligente Stromnetze in Afrika entschieden?

Auch andere Basisinnovationen sind dafür prädestiniert, in Afrika angewandt und weiterentwickelt zu werden. Die erste Cargodrohnen-Linie hat in Ruanda letztes Jahr seinen Probebetrieb aufgenommen. Der Nutzen der unbemannten Fluggeräte ist für entlegene, schlecht angebunden Regionen, die in der Regenzeit oft monatelang abgeschnitten sind, leicht vorstellbar. Es würde nicht überraschen, wenn afrikanische Länder auch hier bald eine Führungsrolle einnehmen werden. Auch 3D-Drucker werden bereits verstreut über den Kontinent in Fablabs oder ähnlichen Einrichtungen eingesetzt. Die weitere Entwicklung ist derzeit noch nicht absehbar, aber 3D-Drucker könnten Logistik und mangelhafte Ersatzteilversorgung schubartig verbessern oder sogar die Bauwirtschaft revolutionieren.

Das wichtigste Rückgrat der Verkehrssysteme afrikanischer Städte sind in der Regel „Matatus“ – Gemeinschaftstaxis. Eine Open-Data Anwendung ermöglicht es mittlerweile in Dar-es-Salaam, Tansania für dieses hochkomplexe dezentrale Transportsystem einen Echtzeit-Fahrplan anzubieten. – Eine neue Qualität von Systemsteuerung.

Warum wir dabei sein müssen

Während wir also noch immer den armen afrikanische Subsistenzbauern sehen und ihn zu einem Modell für afrikanische Entwicklung erklären, haben die globalen Vernetzungen und die fortschreitende Digitalisierung längst das Leben der Menschen auch in den entlegensten Regionen verändert. Software kompensiert einen Teil des Mangels an Lehrern, Ärzten oder sonstigen Infrastrukturen. Ein riesiger Bedarf und nur wenig Besitzstände und alte Technologien lassen afrikanische Länder zu einem „Labor der Zukunft“ werden. Vieles wird ausprobiert und Neues entsteht. Auch weil Moderne und Vormoderne nebeneinander existieren, werden ganz andere kreative Kräfte freigesetzt. In unserer Öffentlichkeit aber hören wir fast nur über Missstände und Armut. Dadurch sehen wir vor allem die Unterschiede im Wohlstandsniveau. Nicht aber die positiven Veränderungen, den Aufholprozess und das Neue, das entsteht.

Wenn wir bei diesen Veränderungen nicht dabei sind, verlieren wir nicht nur ein paar Prozentpunkte an Exportwachstum. Wir würden den Anschluss an die wirtschaftlichen Dynamiken und Innovationen der neuen globalen Mittelschicht verlieren.

Vom 15. bis 18. Oktober haben Sie die Möglichkeit, das digitale Afrika kennen zu lernen. Bei der Learning Journey ins Silicon Savannah werden in Nairobi die digitale Transformation und die Unternehmens- und Start-up Szene erkundet. Gemeinsam mit der renommiertesten Business School Ostafrikas, der SBS Strathmore Business School. Networking wird dabei groß geschrieben.

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Mag. Hans Stoisser hat mehr als 30 Jahre lang Infrastruktur in Afrika aufgebaut. Seit 1992 leitet er die Managementberatung Ecotec, die unter anderem in Bulgarien, Palästina und Brasilien, vor allem aber in afrikanischen Ländern, tätig war. In seinem Buch „Der schwarze Tiger“ erklärt der Ökonom, warum Europa die Wende in Afrika verpasst hat, weshalb Entwicklungshilfe beim Flüchtlingsproblem nicht hilft und was wir von Afrika lernen können.