Wie „Design Thinking“ den digitalen Arbeitsplatz beeinflusst

Geschrieben von Office DCW am in #DigitalMondayBlog, Home

Design Thinking spielt schon seit längerem eine wichtige Rolle in der Entwicklung von Produkten. In den letzten Jahren hat aber eine Verschiebung stattgefunden, bei der Design Thinking in den Kern des Unternehmens gewandert ist. Führende Unternehmen nutzen Design Thinking vor allem, um neue, technologische Fortschritte in überzeugende Kundenerfahrungen zu übertragen. Design Thinking kann aber auch intern angewendet werden, um Widerstände bei den MitarbeiterInnen aufzuspüren und diesen zu begegnen.

Ingrid Gerstbach

Mag. Ingrid Gerstbach (c) Budino Nguyen

Design Thinking gilt als ein menschzentrierter Ansatz, um Innovationen zu entwickeln, an deren Spitze des Prozesses die oft sehr fein nuancierten, stillschweigend versteckten, menschlichen Bedürfnisse liegen, die erst durch genaue Beobachtung aufgedeckt werden. Die Methode Design Thinking ist vor allem dann äußerst effektiv, wenn komplexe Probleme einen Durchbruch im Denken erfordern. In diesem sehr iterativen, kooperativen und interdisziplinären Vorgehen wird der Nutzer mit technischen und betriebswirtschaftlichen Fähigkeiten während des gesamten Prozesses eingebunden. Aber nicht nur das Denken, auch der Arbeitsplatz von Design Thinkern weist einen großen Unterschied zu den sonst eher praktisch veranlagten Büros auf.

Die Massenproduktion von standardisierten Produkten ist ein Markenzeichen des 20. Jahrhunderts. Die Industriewirtschaft forderte neben hoher Produktivität niedrige Kosten, um eine große Vielfalt an Produkten zu erzeugen – von Haushaltsgeräten bis hin zu Autos. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde Henry Ford mit seiner Fließbandarbeit und dem Ford-Modell T berühmt. Aber auch Persönlichkeiten wie Frederick Winslow Taylor leisteten mit ihren wissenschaftlichen Ansätzen Pionierarbeit, um die Gesamtproduktivität zu verbessern. Jahrzehnte später revolutionierten „schlanke“ Produktionen die Fertigung, während in den 1990er Jahren diese Verschlankung in die Geschäftsprozesse übertragen wurden. Dabei wurde aber eher technisch konstruierend und weniger künstlerisch entwerfend vorgegangen – die Einfühlsamkeit und Empathie auf die Bedürfnisse der Nutzer bliebt auf der Strecke. Der Fokus lag auf Prozess- und Workflow-Optimierung statt auf den Erfahrungen und Einschätzungen der MitarbeiterInnen.

In den letzten paar Jahren wurde vor allem das Thema der Digitalisierung immer wichtiger. Die Einführung neuer Technologien schaffte statt mehr Nutzen und Einfachheit mehr Diskrepanz zwischen Einzelpersonen und Organisationen. Das Problem: Während die Menschen in ihrem privaten Leben begeistert von den technologischen Fortschritten sind, können viele Unternehmen mit dem Tempo nicht Schritt halten.

Das führt vor allem zu einer Spannung zwischen MitarbeiterInnen und IT-Abteilungen: MitarbeiterInnen sind zunehmend frustriert, dass sie zu Hause Zugriff auf die selbst erworbenen neuesten Geräte und Anwendungen haben, die zu einem unverzichtbaren Teil ihres täglichen Lebens geworden sind. Diese Technologien haben sie aber nicht in der Arbeit – dort müssen sie auf primitivere und weitaus begrenztere Anwendungen zurückgreifen, da sonst nichts anderes von der IT unterstützt wird. Eine große Anzahl an MitarbeiterInnen kommt deswegen mit mindestens zwei Geräten zur Arbeit: Das eine, das ihnen gegeben wurde, und das andere, das sie tatsächlich verwenden.

Der Wettbewerb um die besten ArbeitnehmerInnen hat zu einer Verschärfung dieser Spannung geführt. Neue Technologien wie Social Media, Internet of Things, Big Data etc. transformieren weiterhin den Arbeitsplatz. Viele etablierte Unternehmen haben Schwierigkeiten, damit Schritt zu halten. Diese Technologien verwischen nicht nur die Grenzen zwischen Arbeit- und Privatleben, sondern verwandeln die gesamten Erfahrungen am Arbeitsplatz. Das erfordert neues Denken:

1. Unternehmen müssen die echten Bedürfnisse Ihrer MitarbeiterInnen identifizieren. Neues Arbeiten erfordert ein tiefes emphatisches Verständnis von Menschen. Dadurch können neue Rollen und Aufgaben entwickelt werden, die diese Bedürfnisse erfüllen und die durch organisatorische und digitale Systeme unterstützt werden.

2. Unternehmen müssen sich auf Mehrwerte konzentrieren. Digitalisierung sollte den MitarbeiterInnen ermöglichen, zu verstehen, welcher Wert seine Rolle für das Unternehmen spielt und wie dadurch auch mehr Wert für die Kunden geschaffen werden kann. Transparenz hilft dem Mitarbeiter weiterhin, die Verbindung zwischen ihrer Arbeit, dem Unternehmen und dem Kunden zu sehen.

3. Unternehmen müssen Mitarbeitererfahrungen entwerfen – keine Workflows und Tools. Die Arbeitsumgebung sollte immer aus der Sicht des Nutzers oder Mitarbeiters sein und jeden Berührungspunkt im Laufe seiner Zeit widerspiegeln. Das Ziel der Stunde lautet Einfachheit. Eine elegante Lösung löst eine komplexe Reihe von Aktivitäten ab, sodass das Ergebnis harmonisch, rationell und effizient ist.

4. Unternehmen müssen die Zusammenarbeit fördern. Benutzererfahrungen stehen niemals im luftleeren Raum, sondern werden gemeinsam geschaffen. Das erfordert wiederum eine enge Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Abteilungen und dem Kunden.

5. Unternehmen müssen mittels Digitalisierung, Kreativität und Zusammenarbeit fördern. Alle Elemente in einer Arbeitsumgebung sowie die digitalen Interaktionen beeinflussen Erfahrungen, Wahrnehmungen und Verhaltensweisen. Fördern Sie aktiv Kreativität und Zusammenarbeit.

Die Anwendung von Design Thinking am Arbeitsplatz ist noch relativ neu. Unternehmen reagieren zu langsam auf die sich verändernden Bedürfnisse ihrer MitarbeiterInnen. Unternehmen sollten vielmehr dafür sorgen, dass sich bessere Erfahrungen am Arbeitsplatz entwickeln. Das gelingt schon mit ein paar einfachen Änderungen:

  • Nutzen Sie vor allem Digitalisierung, um stärker interdisziplinäre und kollaborative Innovationsprozesse zu integrieren.
  • Gestalten Sie den physischen Arbeitsplatz so, dass Interaktion und Zusammenarbeit einfacher wird und der einzelne sich trotzdem zwischen der materiellen Welt und der Welt der Phantasie bewegen kann.
  • Suchen Sie nach digitalen Programmen, die die Kommunikation und Motivation anregt, unterstützt und zu neuen Verhaltensweisen führt.

Design Thinking ist nicht nur für die Interaktion mit dem Kunden gedacht, sondern auch, um die Mitarbeitererfahrungen am Arbeitsplatz zu verbessern. In Anbetracht der Bedeutung bei der Gewinnung von Spitzenkräften, sowie der Verbesserung der Produktivität und der Effizienz, sind Unternehmen gefordert, so eine deutliche Differenzierung vom Wettbewerb in der digitalen Wirtschaft zu schaffen.

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Mag. Ingrid Gerstbach ist Design Thinking Expertin, Autorin und Wirtschaftspsychologin. Sie hat Betriebswirtschaft, Pädagogik und Wirtschaftspsychologie studiert. Seit 2010 ist sie selbstständige Unternehmensberaterin mit dem Schwerpunkt Design Thinking und Innovationsmanagement. Sie unterstützt Unternehmen dabei, Probleme mittels Design Thinking zu lösen und die Methode intern in Teams zu implementieren. Im September 2016 erscheint ihr Buch „Design Thinking im Unternehmen“ im GABAL Verlag.

www.designthinking-wien.at